Diesmal möchte ich sehr persönlich werden. Warum? Weil ich Ihnen gerne glaubwürdig einige Impulse zum Thema „Leiderfahrung“ anbieten möchte. Für viele bietet sich dieses Thema im Zugehen auf das Osterfest an. Noch viel mehr natürlich für jene, die gerade in einer Leiderfahrung unterwegs sind.
Wie schon öfters in meinem Leben war ich in den letzten Monaten in sehr dichter Form mit Krankheit konfrontiert: mehrere Eingriffe unter Narkose und dann zwei größere Operationen. Eine davon war besonders herausfordernd, weil sie die Luftröhre betraf.
Wie ging ich damit um? Aus früheren ähnlichen Erfahrungen habe ich gelernt, nicht gegen die Situation anzukämpfen, mich nicht der „Warum ich“ – Frage zu widmen, nicht ins Jammertal zu schlittern und mich nicht den Vertröstungen auszuliefern, sondern das Ganze als existenzielle Herausforderung zu sehen, der ich mich zu stellen habe und dies auch tun möchte. Dabei dürfen auch Ängste, Sorgen und Schwächephasen ihren Platz haben.
Mir haben auch diesmal zwei bewusste Entscheidungen viel geholfen:
- Ich möchte meine schmerz- und leidvolle Situation als Zeichen meiner Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit (die zum Menschsein gehören) sehen und dies, wo ich kann, gestalten und wo dies nicht geht, kreativ ertragen und so alles zu einer existenziellen Stärke werden lassen.
- Ich möchte meine leidvolle Situation auch als Anruf und Einladung meines Lebens deuten und gut hinhorchen, was mir mein Leben dadurch sagen möchte.
All das nimmt den dunklen Stunden nicht die Dunkelheit, aber es gibt dem Licht die Chance, in die Dunkelheit hinein zu strahlen. Wie im Leben insgesamt, vertreibt ja das Licht die Dunkelheit nicht, aber es erhellt sie. Das ist die Polarität, die alles Leben kennzeichnet.
Natürlich ist es ein Segen und eine unvergleichliche Hilfe, in so schweren Situationen in eine Liebesbeziehung eingebettet zu sein, die meine Frau und mich schon seit über 50 Jahren trägt, stärkt und jeden Tag neu mit tiefer Dankbarkeit erfüllt.
Ich schreibe diese Zeilen nicht, um jenen, die gerade in leidvollen Erfahrungen stehen, Anweisungen zu geben oder gar aufzuzeigen, wie es geht. Aber vielleicht kann es eine stärkende Ermutigung sein, den eigenen Weg der Gestaltung und des Aushaltens zu suchen und diesen Weg unbeirrt zu gehen.
Die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit in unserem Menschsein macht uns solidarisch. Der Umgang mit ihr kann nur persönlich entschieden und gestaltet werden.
Mein Leben „mutet sich mir zu“! Meine Antwort darauf möchte ich geben, so gut ich kann. Gleichzeitig werde ich durch diese Erfahrungen gestärkt, um anderen Menschen in leidvollen Situationen mit vertiefter Empathie zu begegnen, sie noch umfassender wahrzunehmen und ihnen noch aufmerksamer zuzuhorchen. So können wir gemeinsam Ausschau nach Wegen der Heilung halten. Gehen muss diese Wege natürlich eigenverantwortlich jeder und jede für sich. Begleitung wird dabei ein Wechselspiel von Geben und Empfangen.
TROTZDEM
Ich kann nicht mehr, schreit es in mir.
Und trotzdem stehe ich auf
pack meinen Rucksack. Öffne die Tür
und trete ins Freie.
Die Weite lockt, doch kein Weg in Sicht.
Und trotzdem gehe ich
Schritt für Schritt meinen Pfad
einen pfadlosen Pfad.
IMMER WIEDER
Wieder und wieder falle ich ins Loch.
Sehe nur noch Dunkelheit und Not.
Kein Stern in der Nacht
der mir leuchtet auf meinem Weg.
Trostlos, kalt und leer fühlt sich mein Herz.
Bitterkeit in meiner Kehle hält mich stumm.
Die Schreie verhallen in mir.
Bis es aufbricht, ausbricht.
Anbricht der Tag. Die Sonne erscheint
der Himmel sich öffnet, die Weite
das Licht mich erleuchtet und
mich zum Leben wiedererweckt.
(aus: Stephanie und Franz Schmatz, Worauf warten wir? Leben ist jetzt! EFFATA Verlag, S. 139 – 140.)