„Versag dir nicht das Glück des heutigen Tages; an der Lust die dir zusteht, geh nicht vorbei! Wer sich selbst nichts gönnt, wem kann der Gutes tun? Er wird seinem eigenen Glück nicht begegnen“ (aus dem Buch Jesus Sirach im Alten Testament, 14, 14 u. 5).

Ganz ehrlich: Haben Sie diesen Text in der Heiligen Schrift vermutet?

Die Einladung, das Glück des heutigen Tages zu genießen und das mit Lust, habe ich in meinem Aufwachsen und in meiner religiösen Erziehung nie gehört. Heute mag das für viele selbstverständlich sein, während für uns damals nicht die Glücks -und Lusterfahrung, sondern der Verzicht im Vordergrund stand.

Gerade heute tut es aber andererseits gut, die Glückseinladung aus dem Buch Jesus Sirach im Alten Testament ganzheitlich zu lesen. Hier geht es nicht um die heute oft angepriesene Selbstoptimierung, um Egoismus oder gar um narzisstische Verhaltensweisen auf Kosten der anderen. Der biblische Text verknüpft praktisch zwei Einladungen. Erstens im Sinne gesunder Selbstliebe gut auf sich selber zu schauen und Glückseligkeit ganzheitlich zu verkosten, und zweitens, aus dieser beglückenden Erfahrung mich dem Du zuzuwenden und Gutes zu tun.

Wird nicht das Glück erst dann zur Erfahrung von Glückseligkeit, wenn wir es auch mitteilen und teilen dürfen? Und wird nicht die Lusterfahrung erst dann ekstatisch, wenn wir sie gemeinsam erleben dürfen? Aber die Basis ist schon, dass ich zunächst einübe, mir Glück und Lust zu gönnen und Rahmenbedingungen für deren Erleben zu schaffen. Darum heißt es auch in einem weiteren Vers des angesprochenen biblischen Textes: „Keiner ist schlimmer daran, als einer, der sich selbst nichts gönnt, ihn selbst trifft die Strafe für seine Missgunst“ (Jesus Sirach, 14.6).

Voraussetzung ist also, dass ich eine gute Beziehung zu mir selber aufbaue, gut für mich sorge und wohlwollend und wertschätzend mit mir umgehe und dadurch auch meinen Selbstwert erfahre. Dann wird es mir aber auch geschenkt und ich muss nicht danach gieren. Und es liegt im Wesen des Geschenkes, dass es in mir das Bedürfnis weckt, es mit anderen zu teilen. Außerdem schützt mich diese Erfahrung vor dem Festhalten-wollen und damit vor Verlustangst.

Auf diesem Hintergrund bekommt auch der Verzicht eine neue Bedeutung. In meinem Verständnis geht es dann nicht um Verzicht auf mir mögliche Glücks -und Lusterfahrung, sondern um Verzicht auf das Festhalten-wollen. Warum soll ich auf mir offenstehende Energiequellen und Erfahrungen der Selbstnährung – und stärkung verzichten, wenn sie meine Lebensqualität heben und mich öffnen, mit anderen zu teilen.

Nicht die ständige Warnung vor dem Egoismus wird die Solidarität und das Miteinander fördern, sondern die Einladung, die Selbstliebe zu vertiefen und daraus offen für Gemeinschaft zu werden.
So manche von ihnen werden jetzt einwenden: Alles gut und schön, aber ich warte schon lange auf das ersehnte Glück!

Eine erste Frage dazu wäre: bin ich es mir überhaupt wert Glücksmomente zu erfahren? Und eine weitere Frage: Übe ich mich in der Selbstfürsorge und Selbstpflege und damit in der Selbstliebe wirklich ein?

Das sind Prozesse, die im Kleinen beginnen, und die eine Entscheidung für diesen Weg brauchen. Das Warten auf das Glück kann mich blockieren und an der eigenen Aktivität hindern. Auch die Erwartung, dass es von anderen kommt, wird mich lähmen, mich selber auf den Weg zu machen, weil ich mich nur arm und benachteiligt erlebe. Die für mich notwendigen Schritte wird mir niemand abnehmen können.
Vielleicht ist die erste kleine Glückserfahrung, wenn ich es schaffe, mir eine Kleinigkeit wirklich vom Herzen zu gönnen, mit Genuss und Lust, und darauf stolz und dafür dankbar zu sein.

Nicht die Quantität des erfahrenen Glücks schenkt die Glückseligkeit, sondern die Qualität. So wird auch die dabei erfahrene Lust nicht angestrebt sein, sondern sie stellt sich gleichsam als Begleitmusik ein. Und ganzheitlich betrachtet wird so Glückserfahrung zur Sinnerfahrung.

Ein kleiner Trost und eine Ermutigung für jene, die sich mit dem hier Gesagten (noch) schwer tun: Ich bin auch immer noch intensiv am Lernen und am Einüben (die alten Muster geben einfach keine Ruhe!).

Wann?

  

Die Zeit wird kommen!
Wann?
Die Rahmenbedingungen werden besser werden! 
Wann?
Wenn wir wieder mehr Zeit haben!
Wann?
Sobald das Ärgste vorbei ist!
Wann?
Du wirst sehen, es wird!
Wann?
Wann soll das alles sein?
Wann?
WANN
WENN NICHT JETZT?

 

(aus: Stephanie und Franz Schmatz, Umarme das Leben, EFFATA Verlag, S. 190)