Eine Kernfrage die ich in den therapeutischen Begleitungen meinen Patientinnen und Patienten stelle, ist die Frage: Wie oft gehen Sie bewusst in die Stille?
Viele verunsichert diese Frage und darauf folgen oft verlegenes Schweigen, fragende Blicke oder auch Kopfschütteln. Dann kommen meist Rechtfertigungen, wie: Dafür habe ich keine Zeit! Stille halte ich nicht aus! Oder auch: Da bin ich zu sehr im Stress!
Und Sie? Wie halten Sie es mit der Stille? Ist sie Ihnen vertraut? Suchen Sie die Stille regelmäßig bewusst auf? Haben Sie die unerschöpfliche Kraft, die aus der Stille fließt vielleicht auch schon entdeckt?
Stille nicht als Pflichtübung zwischendurch gedacht, sondern aus einem Bedürfnis, das aber zur Verwirklichung ein Übergangsrituale braucht: bewusst unterbrechen, innehalten, bei mir selber ankommen, ganz in der Gegenwart sein und mich dann öffnen, damit Stille sich ereignen kann. Ich bereite also der Stille gute Rahmenbedingungen. Stille ist nämlich nicht nur Abwesenheit von Lärm, sondern ein umfassendes Ereignis, das mein Wahrnehmen erweitert und vertieft und mein ganzes Sein berühren will. Die Stille macht mich zum horchenden und staunenden Menschen und lädt mich zu einer Entdeckungsreise ein, auf der ich Leben, auch mein Leben in neuen Dimensionen erfahren und so Horizonterweiterung erleben darf. Stille ist also ein dynamisches und kreatives Ereignis mit neuen Lebenseinladungen, das neue Energie, Mut, Heilkraft und Zuversicht schenkt.
Die Stille ist ein besonderes Gut! Sie kann nicht einfach herbeigeführt oder gar erzwungen werden. Das wäre eine „leb-lose“ Stille, leer und erdrückend. Stille möchte eingeladen sein und sie möchte sich ausbreiten und uns durchwirken dürfen. So hilft mir die Stille, mich selber zu erfahren, Selbstwert zu erleben und Empathie-fähig zu werden. Sie taucht die Wirklichkeiten in ein anderes Licht, gibt dem Leben Farbe, erhellt das Dunkel auf den Lebenswegen und wird zur Energiequelle, die die Polarität des Lebens gestalten und aushalten hilft.
Der Lärm deckt zu und verführt zur Verdrängung, die Stille deckt auf und ermutigt, die Herausforderungen als Chance wahrzunehmen. Wer die Stille einmal zu schätzen gelernt hat, wendet sich ihr immer wieder zu, wie die Sonnenblume sich der Sonne zuwendet, um Licht für Wachstum zu empfangen.
Einladung an die Stille
Komm zu mir, es ist noch Platz
zieh ein in meinen Raum
der ist zwar groß, ist hoch und weit
doch Ruhe ist hier kaum.
Im Treiben des Alltags
bist du im Dunkel
des Unbewussten.
Und doch bist du da.
Wenn es ganz still ist
ganz still um mich, ganz still in mir
wenn meine Hände ruhn und auch mein Geist
dann beginnt mein Herz zu sprechen.
(aus: Stephanie und Franz Schmatz, Im Augenblick die Ewigkeit, EFFATA Verlag, S.80 u. 81)