Wenn – vor allem in Krisensituationen – Veränderungen in der Lebensgestaltung oder in Wertvorstellungen anstehen, kommt oft als Reaktion: „Da müsste ich Aussteigerin bzw. Aussteiger werden!“. Oder auch: „Wenn ich genug Geld hätte, würde ich auf eine Insel ziehen und dort das Leben genießen!“. Mit diesen Ausreden kann man dann das gewohnte Leben ohne Veränderungen weiterführen. In Wirklichkeit geht es aber nicht um das Aussteigen, sondern um das Wagnis ins Leben einzusteigen, endlich mit dem Leben zu beginnen.

Natürlich ist in unserem Leben und in unserem Alltag vieles vorgegeben, das wir nicht einfach ändern können. Trotzdem bleibt uns immer noch ein gewisser Freiraum für Gestaltung. Allein das Erkennen und Nützen dieses Freiraums würde unsere Lebensqualität erhöhen, Stress reduzieren und uns neue Lebensperspektiven eröffnen.

Eine gute Übung kann es sein, immer wieder einmal ein sogenanntes „Tagesprotokoll“ zu schreiben. Das heißt, ich setze mich am Abend (z.B. statt dem Fernsehen) hin und schreibe in aller Ruhe auf, was ich an diesem Tag erlebt und getan habe. Damit habe ich gleich einmal einen guten Überblick, wofür ich die kostbare Lebenszeit dieses mir geschenkten Tages eingesetzt habe. Gleichzeitig habe ich, von mir selber geschrieben, meine Sinn- und Wertordnung vor mir liegen, also was es mir wert ist, dass ich dafür meine kostbare (begrenzte) Lebenszeit verwende (bzw. auch vergeude). Ein beachtlicher Teil werden natürlich Verpflichtungen und Aufgaben in Beruf, Familie und dergleichen sein, die den Alltag bestimmen. Dann bleibt aber sicher immer noch ein Zeitkontingent, über das ich selber frei verfügen kann. Wie bin ich damit umgegangen? Habe ich Zeit auch für mich genutzt, zum Innehalten, für einen Spaziergang in der Natur, für ein kulturelles Erleben, zum Vertiefen von Begegnungen, für spirituelle Erfahrungen, zur Meditation, zum Erleben von Stille, zum Lesen, zum Musikhören…

Genau hier beginnt der Einstieg ins Leben! In der Regel geht es nicht um radikale Veränderungen, sondern um kleine Schritte des ehrlichen Aufsuchens von „Lebensoasen“, die uns wachrütteln, zu uns selber führen, Freiheit entdecken lassen und uns auf den Geschmack guten und qualitätsvollen Lebens bringen. Diese neue Lebensbegeisterung durchbricht nicht nur den verordneten „Ernst“ des Lebens, sondern lässt uns kreativ werden, das Leben in dem uns gegebenen Freiraum originell und vielleicht sogar spielerisch zu gestalten. Denken wir nur daran, wie viel Zeit Menschen heute mit dem (oft unreflektierten) Konsum von Medien verbringen. Nein, wir müssen nicht zu gequälten Sklaven des von allen Seiten Vorgegebenen werden. Wir haben mehr Freiheit, als uns eingeredet wird oder wir uns selber einreden. Die Floskel, „das ist eben heute so“ kann ich für mich jederzeit löschen und so in die Selbstverantwortung gehen.

Das Leben selber, mein Leben lädt mich ein, es intensiv und jetzt zu leben. Manchmal ertönt diese Einladung sehr laut (v.a. in Krisensituationen), in der Regel aber sehr leise. Wenn ich das Hinhorchen einübe, werde ich es hören. Und dann darf ich mich entscheiden! Und natürlich auch selber die Verantwortung übernehmen.

Ins Leben einsteigen

  

Bin ich ins Leben eingestiegen?
Wie weit bin ich eingestiegen?
Was bedeutet es, ins Leben einsteigen?
Worauf lasse ich mich ein, wenn ich ins Leben einsteige?
Was hält das Leben für mich bereit?

Welche Türen sind offen, laden mich ein?
Das Leben lädt mich ein, es wartet auf mich!
Aufwachen, wahrnehmen, hören, sehen
die Angebote, die Geschenke
die Fülle, den Reichtum des Lebens!

Die Natur lädt zum Wandern ein  
das Wasser zum Schwimmen 
der Berg, ihn zu besteigen 
die Herausforderung, sie zu bezwingen.

Mein Kind will gesehen, gehört werden
wahrgenommen, angenommen und geliebt. 
Meine Aufgabe will erkannt und erfüllt
die Fragen wollen beantwortet werden.

Bleib nicht untätig, wo Handlungsbedarf 
schweige nicht, wenn du reden sollst
steh auf, tritt kraftvoll auf, setz dich ein
sei zur rechten Zeit am rechten Platz!

Bleib nicht im Dunkel sitzen 
wenn draußen die Sonne scheint!
Das Leben lädt dich ein – steig ein!

(aus: Stephanie und Franz Schmatz, Umarme das Leben, EFFATA Verlag, S.188)