Wie würden Sie Begleitung charakterisieren? Haben Sie persönliche Erfahrungen mit Begleitung?
Nach meiner Wahrnehmung werden Versorgung und Begleitung sehr oft nicht unterschieden. In der Versorgung geht es darum, dass eine Fachfrau oder ein Fachmann andere, die es benötigen, mit der vorhandenen Fachkompetenz, dem erworbenen Wissen, den eingeübten Fähigkeiten und aus einem Auftrag heraus mit entsprechender Verantwortung versorgt. Wenn zum Beispiel Patienten fragen, warum die Pflegeperson den Verband so und nicht anders anlegt, wird diese eine fachgerechte erklärende Antwort geben. Es ist ihre Kompetenz und sie weiß, wie der Verband richtig anzulegen ist.
In der Begleitung haben wir eine ganz andere Dimension. Begleitung deute ich als Weg-geleit. Ich gehe also mit einem Menschen ein Stück des Weges mit, wenn wir beide Vertrauen zueinander haben und es beide wollen. Denken Sie zum Beispiel an Menschen im Leid, in der Krankheit, in der Trauer oder in einer Verzweiflungssituation. Die ständigen Warum-fragen und Sinn-fragen dieser Menschen sind höchst berechtigt. Aber Begleitung heißt nicht, dass ich, wie bei der Versorgung einfach Antworten gebe. Ich weiß diese ja auch für den betroffenen Menschen nicht. Begleitung im Sinn von Weg-geleit bedeutet, wir suchen gemeinsam nach jetzt möglichen Wegen und gehen sie ein Stück weit gemeinsam, ohne zu wissen, was uns erwartet. Die Entscheidung über den Weg, das Tempo, die Rast oder auch das Ziel im gemeinsamen Unterwegssein treffe nicht ich, sondern der betroffene Mensch. Ich gehe mit, halte und stütze, nehme gut wahr, horche gut zu und bin ganz einfach da (also präsent)! Eine schnelle Antwort, ein Ratschlag oder gar ein billiger Trost würden alles nur verschlimmern.
Meine Aufgabe im Weg-geleit ist es, ganz bei mir und ganz beim begleiteten Du zu sein, echt, klar und sehr einfühlsam, ohne aber ins Mitleiden zu fallen. Und ich soll fähig bleiben, nicht nur die Ohnmacht des begleiteten Menschen auszuhalten, sondern auch meine eigene. Das verbindet uns solidarisch. Außerdem fordert mich der gemeinsame Weg heraus nicht nur die Verletzlichkeit des begleiteten Menschen gut wahrzunehmen, sondern wie in einem Spiegel auch mit der eigenen Verletzlichkeit konfrontiert zu werden und diese nicht zu verdrängen.
Wenn ich mich in dieser Grundhaltung im Weg-geleit einbringe, dann ereignet sich sehr oft etwas, das zutiefst berührend und ermutigend ist: ich erlebe auch selber Begleitung als Prozess des Gebens und Empfangens. Und wenn wir das beide erleben, ist das eine Erfahrung, aus der viel Heilungskraft strömt. Ich selber frage mich in und nach Begleitungen oft voller Dankbarkeit: wer hat eigentlich jetzt wen begleitet?
Ich spreche selber nicht gerne von Geben und Nehmen, sondern von Geben und Empfangen. Beim „Nehmen“ bin ich schnell wieder in der Erwartungshaltung oder in der Berechnung, beim Empfangen bleibe ich offen für das Beschenkt-werden.
So betrachtet ist die Versorgung eher eine Dienstleistung, die Begleitung hat ihre Mitte von vornherein in der liebevollen Zuwendung.
Viele sagen, das Schweigen in der Begleitung sei die fehlende Sicherheit und Ungewissheit darüber, was uns erwartet. Ich kann es aber auch so sehen, dass genau das jeden Prozess der Begleitung so einmalig und einzigartig macht. Genau das verhindert Routine und Oberflächlichkeit und sorgt für Originalität. Keine Begleitung gleicht der anderen und ich weiß nicht, wie es geht, was uns erwartet und wie es ausgeht. Das eröffnet die Möglichkeit, dass sich etwas „ereignen“ kann.
Entscheidend ist in der ganzheitlich gestalteten Begleitung nicht der messbare Erfolg oder das herkömmlich gemeinte Gelingen, sondern dass wir uns in ein echtes, ehrliches, achtsames und liebevolles Miteinander-unterwegs-sein einlassen. So kann Begleitung zum Segen für beide Seiten werden, für die Begleiteten und für die Begleitenden und das in Wechselseitigkeit.
Begleitung
Du begleitest mich
ich gehe nicht mehr allein
durch die Nacht
fühl mich nicht mehr allein
mit meinem Schmerz.
Du hörst mein Klagen
versuchst zu verstehen
lässt mich sein wie ich bin.
Gibst keine Antwort
auf nicht gestellte Fragen.
Aus deinem Schweigen
spricht Güte
und das gibt mir Mut.
Welch ein Segen
für mich.
(Stephanie Schmatz)