Wandern Sie mit Ihren Gedanken und Gefühlen auch sehr oft in die Vergangenheit? Mir jedenfalls fällt auf – nicht nur in den psychotherapeutischen Begleitungen – wie viele Menschen sich übermäßig viel ihrer Vergangenheit zuwenden und dort verharren.
Natürlich macht es Sinn, von Zeit zu Zeit etwas aus der Vergangenheit aufzugreifen, zu analysieren und klarzustellen. Dazu gehören wesentlich die Fragen: Kann ich aus diesen Erfahrungen etwas lernen? Nehme ich mir aus dem Erlebten eine Einladung zur Veränderung mit? Soll ich aus den Erfahrungen etwas in meinen Wertvorstellungen hinterfragen? Möchte ich aus einer Schulderfahrung in bestimmten Lebensbereichen einen Erneuerungsprozess einleiten? Will ich jemanden wenigstens jetzt um Vergebung bitten?
All das braucht keine endlosen grübelnden Überlegungen und Analysen, sondern klare, mutige, prägnante und selbstkritische Betrachtung – immer unter dem Kriterium, dass ich in der Vergangenheit nichts verändern, nichts hinzufügen und nichts wegnehmen kann. Einziger Sinn einer ehrlichen und mich erneuernden Vergangenheitsbetrachtung ist die Versöhnung mit der Vergangenheit.
Versöhnung bedeutet in diesem Zusammenhang, zu meinen Erfahrungen zu stehen, sie zu bestätigen, als für mich bedeutsam einzustufen, sie dann in das Gesamte meiner Lebensgeschichte zu integrieren, und sie dort gut aufgehoben zu wissen. Und dann kann ich meine Vergangenheit sein lassen.
So kann ich mich von Altlasten befreien und brauche sie nicht existenziell mit mir „herumschleppen“. Was versöhnt ist, brauche ich nicht weiter zu beklagen und ich erspare mir und anderen, das Jetzt wegen ständiger Fixierungen auf Altlasten, zu versäumen. Hätte ich….wäre ich…..wenn es doch anders gekommen wäre……sind alles Leerformeln, die mich von der Verantwortung für die Gegenwart ablenken und mir kostbare Lebensenergie rauben.
Flucht in die Vergangenheit ist oft Verweigerung, Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen. Versöhnung mit der Vergangenheit dagegen schenkt Energie, Freiheit und Gestaltungsraum für die Herausforderungen des Jetzt. Und wenn Schuld aufgeladen wurde, ist es heilsamer aus ihr zu lernen und mir zu verzeihen, statt endlos in Schuldgefühlen zu versinken und dadurch entkräftet an der geschenkten Gegenwart schuldig zu werden. Viktor Frankl hat uns in den Vorlesungen beim Thema Schuld öfters ein Bild mitgegeben, das ich sehr hilfreich finde: In der Natur können wir den Mist als Dünger einsetzen, sodass der Mist auch zur späteren Frucht beitragen kann. Das ist für mich Einladung, mich im Rückblick nicht auf den Mist, also die Schuld zu fixieren, sondern das Fruchtbarwerden im Auge zu haben und zu fördern.
Das JETZT möchte aus Versöhnung, Freiheit, Verantwortung und Dankbarkeit heraus gelebt, gestaltet und erfahren werden. Diese Präsenz schenkt uns Lebens- und Sinnerfüllung, letztlich auch aus dem Wissen, dass zum Leben die Polarität, also die Spannung zwischen Licht und Dunkel wesentlich gehört.
Perlen der Erinnerung
Ich bin eine Perlensammlerin.
Ich habe eine Perlenkette.
Eine Kette der Erinnerung.
Jede Perle erzählt eine Geschichte.
Ich trage meine Kette immer bei mir
kann jederzeit eine Perle betrachten
und eine Erinnerung wachrufen.
Eine bunte Kette, meine Kette
der Erinnerungen.
Jede Perle in einer besonderen Farbe.
Ein ganzer Regenbogen
mit vielen Zwischentönen.
Nicht alle Perlen glänzen
manche sind dunkel und dumpf.
Die hellen, glänzenden Perlen
betrachte ich natürlich gerne.
Die dunklen sind gut eingereiht
auf meiner Kette, doch
sie fallen weniger auf.
Manche Perlen habe ich poliert
an manchen poliere ich
immer noch, immer wieder.
Ich möchte sie gerne glänzen machen
aber es will mir nicht gelingen.
Ich muss sie wohl belassen und
annehmen wie sie sind.
Ich bin eine Perlensammlerin
deshalb werde ich weiter sammeln
es ist noch Platz für Perlen
auf meinem Lebensfaden.
Ich träume von Perlen und Farben
die sich mir noch nicht gezeigt
die noch warten, von mir
entdeckt zu werden.
Ein interessantes, buntes Leben
ist mein Traum.
(aus: Stephanie und Franz Schmatz, Worauf warten wir? Leben ist Jetzt! EFFATA Verlag, S.185/186).