Allein beim Lesen dieser Begriffe höre ich so manche aufschreien: Jetzt redet der auch noch dem Egoismus das Wort, wo es doch ohnedies so viele Egoisten, so viele auf dem Egotrip, in der Selbstoptimierung und im grenzenlosen Individualismus sind. Auch in der kirchlichen Verkündigung zum Beispiel, wird diese Entwicklung ständig lautstark beklagt und vor den Gefahren gewarnt.
Doch: Halt! Erstens wird Selbstliebe mit Egoismus verwechselt und zweitens, glaubt ernsthaft jemand, dass man mit ständigem Klagen und lautstarken Warnen jemanden zum Nachdenken und in der Folge zur Verhaltensänderung bewegen kann?
Warum wird dem Warnen immer der Vorzug gegenüber dem Motivieren gegeben? Und ist die Verwechslung von Selbstliebe und Egoismus wirklich eine unbewusste und unbedachte oder dient sie einfach dem Moralisieren und dadurch dem Versuch von Machtausübung?
Auch ich habe von Klein auf daheim und in den Jahren im kirchlichen Internat die ständige Warnung gehört, nicht an mich zu denken, nur für andere da zu sein, keinen Dank zu brauchen, nicht zu fragen, wie es mir geht und generell lieber zu verzichten, als zu verkosten. So war die große Gefahr des Egoismus ständig in den regelmäßigen Beichten präsent. Warum wurden uns nicht stattdessen Wege zur Selbst-Wertschätzung, zur Wahrnehmung des eigenen Wertes und zur Selbstliebe aufgezeigt? Warum spricht man nicht auch heute hörbar und glaubwürdig davon, dass die beste Prävention gegenüber Egoismus die ehrliche und tiefgreifende Selbstliebe ist? Warum werden Menschen so wenig motiviert, Selbsttreue statt Anpassungsverhalten einzuüben?
Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass es im Kleinen und Großen beinharten Egoismus, rücksichtslose Selbstoptimierung und übersteigerten Individualismus gibt. Aber glaubt ernsthaft jemand, dass bei Menschen, die all dies leben im Hintergrund zu viel Selbstliebe und Selbstfürsorge steht?
Wenn ich mir selbst nichts wert bin, muss ich rücksichtslos werden, wenn ich nicht Selbstfürsorge lebe, müssen es mir andere erbringen und wenn ich Selbsttreue nicht kenne, muss ich aus mangelndem Selbstwert andere ausnützen und erniedrigen, um mich selber zu erheben.
Schon in der Bibel finden wir beim Thema Liebe die untrennbare Einheit von Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe. Liebe ist die grundlegende Dimension des SEINS, Egoismus dagegen kommt aus dem gierigen und süchtigen Verlangen nach HABEN.
All das ist doch Auftrag, zur gesunden Selbstliebe zu motivieren, damit ich durch die Erfahrung von Liebe auch zur Liebe zum DU fähig und begeistert werde. So kann ich der Selbstentfremdung und der Selbstabwertung entgegenwirken, mich selber besser kennen lernen, mich stärken, um mir treu sein zu können. Und ich werde nein sagen lernen, um daraus herzhaft ja sagen zu können. Und wenn ich gut für mich sorge, das heißt in der Selbstliebe bin, werde ich von Herzen gerne teilen und mitteilen.
Die Selbstliebe, die Selbstachtsamkeit, die Selbsttreue und die Selbstfürsorge machen mich zu einem „gefüllten Gefäß“, aus dem ich gerne schöpfe und teile, weil ich, selber in der Liebe, gar nicht anders kann.
Selbstliebe statt Egoismus
Mein wahres Wesen ist Licht und Kraft, ist vollkommen.
Mein wahres Wesen ist göttliches Sein, ist ewig.
Wie sollte ich das nicht wertschätzen, würdigen!
Wie sollte ich es nicht befürsorgen und lieben!
Die Person, die das derzeitige Leben durchlebt
das Ego, das Bild, das ich von mir habe
hat sich im Laufe meines Lebens erst entwickelt.
Und ein starkes Ego ist gut für ein erfolgreiches Leben.
Das Eine kann in diesem Leben ohne das Andere nicht.
Ist es nicht das Ego, das mich, mein wahres Ich, liebt?
Ich als Person, sollte mein wahres Wesen, das
in mir und in jedem Menschen ist, lieben!
Erkenne ich nicht mein tiefstes Wesen
das ich im Grunde bin, sondern nur das Bild
das ich von mir habe, dreht sich in meinem Leben
alles nur um dieses mein Bild, und das führt zum Egoismus.
(aus: Stephanie und Franz Schmatz, Worauf warten wir? Leben ist Jetzt! EFFATA Verlag, S.194/95).