Endlich leben! Zwei Worte – leicht zu überlesen.

Und doch so bedeutungs-voll und lebens-wegweisend.

Endlich leben: zwei Worte die einladen, sie auf zweierlei Art und Weise zu lesen, bewusst zu lesen.

ENDLICH leben, mit der Betonung auf endlich: Also mich meiner Endlichkeit und damit meiner Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit zu stellen. Nicht als Drohung, nicht als Angstmache und nicht als Abwertung des Lebens. Ganz im Gegenteil, um mein Leben groß, im Sinn der Ganzheit und Ganzheitlichkeit zu sehen und zu erfahren. Das erspart mir die ablenkende Flucht in die Verdrängung einer Dimension, die einfach zum Leben gehört. Zeitliche Begrenzung muss das Leben nicht einengen, sondern öffnet und weitet es auf Übergänge in neue Seinsweisen. Mein Bekenntnis zur Endlichkeit meines Lebens macht mich authentisch, unterstreicht meine Einmaligkeit und gibt der Einzigartigkeit meiner Lebensgeschichte Raum für Entfaltung.

Endlich LEBEN! Das ist die zweite Leseart mit der Betonung des Lebens. Darin liegt die Einladung endlich zu leben, endlich bewusst mit dem Leben zu beginnen. Die Endlichkeit motiviert mich, das Jetzt zu leben und es nicht auf später zu verschieben. So bekommt die Endlichkeit von daher eine positive, aktivierende und motivierende Bedeutung. Das ereignet sich nicht, wenn ich vor ihr fliehe und sie verdränge. Die Endlichkeit unterstreicht die hohe Bedeutung des Lebens und den Auftrag, gute Rahmenbedingungen für erfüllende Lebensqualität zu schaffen.

Endlich leben! Unglaublich, wie zwei Worte ein Lebensprogramm skizzieren, das dem Leben Farbe, Würze, Qualität und Sinn geben kann.

Endlich leben! Zwei Worte, so leicht zu überlesen! Und doch so einladend innezuhalten, bei mir selber anzukommen, in mich zu gehen und dann mich zu öffnen, um für die Weite des Lebens bereit zu sein.
Sprache gibt Wirklichkeit wider und kann Wirklichkeit schaffen. In den beiden Worten „Endlich leben“ mit den beiden Betonungsmöglichkeiten ist das eindrucksvoll erfahrbar.

Endlich leben ist eine nachhaltige und wirksame Möglichkeit, die Angst vor der Endlichkeit, Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit durch bewusste Gestaltung zu reduzieren. So wird es sogar möglich, im Angesicht des Todes mich dem Leben zuzuwenden und so den Tod, meinen Tod in mein Leben zu integrieren.
Was ich bewusst und gegenwärtig erlebt habe, kann nicht mehr verlorengehen, weil es in mein „Lebensmosaik“ integriert ist. Wenn ich das jeweilige Jetzt bewusst erlebe, brauche ich Leben nicht auf später verschieben und muss dem Leben nicht gehetzt nachjagen. Gegenwärtig leben, also präsent zu sein, eröffnet mir im Augenblick das Tor für Sinnerfahrung und damit für Dankbarkeit und Zuversicht. Die dahinterliegende Endlichkeit nimmt mir nichts davon weg, sondern vertieft es für die Gegenwart.

Endlich leben – zwei Worte mit so viel lebensspendender Kraft, wenn ich sie auf beide Lese – und Betonungsarten auf mich wirken und mich ganzheitlich berühren lasse!

Es ist Leben

  

Wenn das Leben dich sucht – komm ihm entgegen!
Wenn die Hoffnung bei dir anklopft – öffne die Tür!
Wenn der Sinn im Nebel auftaucht – geh langsam auf ihn zu!
Wenn Trost am Horizont erscheint – öffne ihm dein Herz!
Wenn Töne der Zukunftsmusik erklingen – lausche mit allen Sinnen!
Wenn die Mitte der Nacht in den neuen Morgen gleitet – wach auf und sei da!
Wenn das Lied der Sinnlichkeit ertönt – sing mit!
Wenn das Dunkel sich nach Licht sehnt – lass sie miteinander tanzen!
Wenn die Angst sich wieder meldet – gib ihr die Hand und geh mit ihr in die Weite!
Wenn die Liebe dich erfasst – geh mit ihr über alle Grenzen und bleib ihr treu!
Wenn deine Seele Flügel bekommt – lass sie fliegen und flieg mit ihr!
Wenn die Begrenztheit von Raum und Zeit dich bedrückt –
lebe im Jetzt und erfahre im Augenblick die Ewigkeit!

ES IST LEBEN!

(aus: Stephanie und Franz Schmatz, Umarme das Leben, EFFATA Verlag, S.19).